Lehrerraumprinzip

Bei der Einrichtung des Lehrerraumprinzips an unserer Schule haben wir uns an den Ausführungen von Otmar Scholl orientiert. Vgl. dazu:  Otmar Scholl
Seit dem Schuljahr 2008/2009 haben wir bei uns erfolgreich das Lehrerraumprinzip eingeführt.

Nach einer Probephase und einer anschließenden Evaluation hat sich das Kollegium einstimmig für die Fortführung des Prinzips ausgesprochen! gastAnmerkungen zur Planung und zur Umsetzung eines Lehrerraumsystems an Schulen

Die Grundidee dieses Systems ist, dass die Unterrichtsräume nicht an Klassen, sondern an Lehrer gebunden sind: Lehrerinnen und Lehrer haben ihre eigenen Räume.

I Grundlagen

1. Ein neues Raumsystem lässt sich nicht verordnen.
Solche Veränderungen verlangen die Einbeziehung aller Betroffenen: Mitarbeiter, Schüler, Eltern und Schulträger. Die Gremien der Schule (Lehrerkonferenz, Schulkonferenz, Schülervertretung, Schulpflegschaft) müssen entsprechend ihren Aufgaben beteiligt werden. Eine gründliche Vorbereitung der Beschlussfassungen durch die Schulleitung ist dafür unabdingbare Voraussetzung. Natürlich sind alle Beratungsergebnisse und alle Beschlüsse zu protokollieren. Ich empfehle, dafür eine besondere Akte anzulegen, die für alle Beteiligten einsehbar ist.
Der Prozess der Veränderung, besonders auch der zeitliche Ablauf muss allen transparent sein, Widerstände müssen konstruktiv verarbeitet werden, Rückzugsmöglichkeiten (z. B. einen Zeitraum als Probephase definieren) müssen geschaffen werden. Ein Schuljahr scheint als Vorbereitungszeit mehr als ausreichend bemessen.

2. Das Lehrerraumsystem ist ein System für Lehrer.
Es ist wichtig, dass das von Anfang an in allen Gremien klar ist: Das System führt vorrangig zu einer deutlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Lehrern. Ein “eigener” Raum mit dem Namen an der Tür ist an sich schon außergewöhnlich in unserem Beruf. Wenn dieser Raum dann individuelle Züge bekommt und zum echten Mittelpunkt unterrichtlichen Handelns wird – eine Organisationszentrale für Lernprozesse – dann lässt das schon ahnen, dass sich auch die Qualität von Unterricht verändert: Leistungsfähigkeit hat auch etwas mit “Wohlfühlen” zu tun.
Statt Schmutz und Chaos nach Pausen beinahe schon private Atmosphäre – das schafft positive Voraussetzungen für die Arbeit im Unterricht.
Die im Zusammenhang mit der Einführung dieses Raumsystems zusätzlich aufgetretenen Vorteile sind in vieler Hinsicht von allergrößtem Wert für schulische Entwicklung – allerdings als Folge, nicht als Ursache.

3. Es gibt keine 100%ige Lösung.
Schön wäre es ja, wenn sich der Traum vom eigenen Raum vollständig verwirklichen ließe. Es gibt aber in unserem Schulsystem zahlreiche Probleme, die das nicht zulassen: Teilzeitbeschäftigte Lehrer oder solche mit Fachkombinationen wie Musik / Kunst oder Chemie / Sport stehen dem entgegen. Teilzeitkräfte und “Fachräumler” müssen sich einen Raum teilen. Hier liegt ein Grundprinzip der erfolgreichen Umsetzung. Es kann nämlich nicht unbedingt “jeder mit jedem”, solche Teams müssen genau überlegt werden. Ideal, wenn zwei Teilzeitler harmonieren und auch noch ein Fach gemeinsam haben. Das erleichtert nämlich das Anlegen gemeinsam genutzter Arbeitsmaterialien und Bibliotheken sehr.

4. Fachraum bleibt Fachraum.                                                                                   Fachräume bleiben in ihrer Funktion erhalten. Das ist nicht nur deshalb wichtig, weil bestimmte Fächer an Fachräume gebunden sind (z. B. Sport oder Chemie), sondern auch, damit alle Räume gleichmäßiger ausgelastet werden. Natürlich ist es sinnvoll, dass ein Lehrer, der überwiegend Kunst oder Sport unterrichtet, einen Fachraum als “eigenen” Raum bekommt. Der Normalfall wird aber eher der sein, dass Fachräume geteilt werden müssen.

5. Klassenlehrer haben immer einen Raum: Klassen haben einen Raum!
Das ist wichtig! Klassen, besonders jüngere, brauchen einen Ort, an dem sie sich organisieren können. Dabei muss das nicht unbedingt ein Klassenraum sein. An seine Stelle tritt der Raum ihres Klassenlehrers. Klassen betrachten diesen Raum wie selbstverständlich als “ihren” Klassenraum. Hier finden sie alle Informationen, die für die Klasse gebraucht werden (z. B. Termine, Klassenlisten). Dieser Raum ist auch der Ort von gemeinsamen Dokumentationen (z. B. Ergebnisse von Projekten, Fotoausstellung von Klassenfahrten).

6. Die Auslastung der Räume wird verbessert.
Unterricht im Klassenverband (und im Klassenraum) findet z. B. in einer 8. Klasse im Umfang von 20 Wochenstunden statt. Der übrige Unterricht wird in Kursen oder in Fachräumen erteilt. 5 In dieser Zeit stehen die Klassenräume entweder leer oder werden durch andere Kurse genutzt. Beides ist wenig befriedigend. Die Nutzung durch einen Lehrer, der den Raum meist zu 80% – 90% belegt, reduziert solche Situationen. Im Ergebnis würden sogar deutlich weniger Räume zur Deckung des Unterrichts benötigt, wenn durch gute Teambildung die Lehrerräume optimal besetzt werden könnten.

II Organisation

8. In den Lehrerräumen entstehen fachspezifische Lehrbuchsammlungen
und Bibliotheken.                                                                                                                 Für lehrbuchintensive Fächer, insbesondere für solche Fächer, bei denen die Lehrbücher relativ schwer sind werden kurz – und mittelfristig Bibliotheken mit halben Klassensätzen eingerichtet. Das führt dazu, dass im Unterricht für jeweils 2 Schüler ein Lehrbuch zur Verfügung steht. Zur Erledigung der Hausaufgaben und zur Vertiefung des Unterrichtsstoffes verbleibt natürlich das Buch zu Hause. Im Ergebnis führt das dazu, dass die Schultaschen der Schüler deutlich leichter werden.
Zusätzlich bieten wir unseren Schülern die Möglichkeit, Schließfächer anzumieten
.

9. Der Raumwechsel läuft nach festen Regeln ab.
Am Ende einer Stunde und vor einer Pause entstehen besondere Situationen, da Schüler ihre Taschen mitbringen. Deshalb kann der Raumwechsel vor der Pause so ablaufen, dass die Schüler zum Raum des Lehrers gehen, bei dem sie nach der Pause Unterricht haben. Dort bringen sie ihre Taschen in den Raum und gehen dann in die Pause. Der Raum wird verschlossen.
In jedem Fall sind die Schüler zwischen den Stunden nich mehr unbeaufsichtig in den Klassen.

10. Vertretungsunterricht wird leichter und effektiver organisiert.
Der Blick auf den morgendlichen Vertretungsplan verspricht – besonders, wenn man als Vertretung eingesetzt ist – Stress. Es sind meistens die Stunden, die sich am wenigsten vorbereiten lassen (und die bei den Schülern nicht gerade die größte Lernbereitschaft erkennen lassen). Gelöst wird das Problem durchs Lehrerraumsystem nicht, aber erleichtert. Hat ein Lehrer eine Freistunde, die zur Vertretung benötigt wird, ist auch sein Raum frei. Die Schüler gehen also in den Raum des Lehrers. Hier lassen sich rechtzeitig Materialien für Vertretungsunterricht deponieren, so dass diese Stunden zumindest in dieser Hinsicht vorbereitet werden können.

Hoffnungen, Perspektiven und Erfahrungen der letzten zwei Jahre an der GHS Neuenhof:

Die Aufsichtssituation ist grundlegend verbessert.
Die Qualität des Unterrichts wird verbessert.
– Es wird mehr Unterricht erteilt.
– Die Lern – und Arbeitsumgebung hat sich verbessert.
– Die Lebensdauer technischer Geräte und des Mobiliars wird verlängert.
– Mobbing unter Schülern ist zurückgegangen.
– Schüler lernen unterschiedliche Sozial – und Arbeitsformen systematisch kennen.
– Unterschiedliche Lehrer – unterschiedliche Räume – unterschiedliche Sitzordnungen
– Die Zahl der Unfälle ist gesunken.
– Die Sauberkeit im Schulgebäude hat sich verbessert.

Jörg Beuning, Lehrer